Anwendung bei Tinnitus
Biofeedback – Die „Eintrittskarte“ zur Psychotherapie bei chronischem Tinnitus

Mag. Brigitte Wiesmüller, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (SF), Biofeedback-Therapeutin
"Theoretische Grundlagen
Unter Tinnitus werden Geräuschwahrnehmungen bezeichnet, denen keine akustischen Signale zugrunde liegen und die keinen Signal- oder Informationscharakter für den Betroffenen haben (Lenarz, 1992)
Tinnitusbetroffene suchen, durch ihr organisches Krankheitsverständnis geprägt, eher die Behandlung auf somatischer als auf psychotherapeutischer Ebene. Biofeedback kann für den chronischen Tinnituspatienten den Einstieg in eine psychotherapeutische Behandlung erleichtern. Durch die Rückmeldung körperlicher Parameter werden psychophysiologische Zusammenhänge am Gerät demonstriert und besser nachvollziehbar. Dieses Vorgehen beruht auf der Annahme, dass Tinnitusbetroffene eine erhöhte Muskelanspannung im Stirn-und Kiefer- sowie im Hals-und Schulterbereich haben. Mittels Biofeedback kann die gezielte Entspannung dieser Muskelgruppen trainiert, mögliche Fehlhaltungen korrigiert und die Ergebnisse zugleich rückgemeldet werden. Durch die Verknüpfung mit psychotherapeutischen Interventionen kann dem Patienten der Einfluss von Stress und Kognitionen auf das Tinnituserleben gezeigt werden.
Die Beeinträchtigungen durch den Tinnitus werden vor allem durch dysfunktionale Bewertungen und defizitäres Coping verstärkt. Da der Hörprozess mit dem limbischen System verknüpft ist, wird davon ausgegangen, dass der sich entwickelnde Tinnitus negative Assoziationen auslöst, die in der Folge zu physiologischen Angst- und Anspannungsreaktionen führen können. Durch die Reduktion der Muskelspannung zeigt sich auch eine Verringerung der Tinnitusbelastung, was zu guten Erfolgen in der Behandlung führt. Dabei werden vor allem jene Muskelbereiche trainiert, in denen die Patienten erhöhte Anspannungswerte aufweisen.
Therapieansatz
Biofeedback kann als „Brückenfunktion“ zur psychotherapeutischen Behandlung gesehen werden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, bei Tinnitusbetroffenen in den ersten drei bis vier Sitzungen ausschließlich mit
Biofeedback zu arbeiten und nahe an medizinischen Erklärungen zu bleiben. Gelingt es, in den ersten drei bis vier Therapieeinheiten eine vertrauensvolle TherapeutIn – Patient Beziehung herzustellen, äußert der/die KlientIn meist von sich aus das Bedürfnis Gespräche führen zu wollen. Ist diese „Brücke“ einmal überschritten, kommt es zur nachvollziehbaren schrittweisen Verbesserung, was die körperliche Symptomatik betrifft und damit unweigerlich auch zu einer positiven Entlastung und Erwartungshaltung auf psychischer und sozialer Ebene.
Nach Klärung des neuen Auftrags wird Psychotherapie mit dem nun zum „Kunden“ gewordenen Patienten, unter Einbezug von theoretischen Konstrukten und mit Hilfe von psychotherapeutischen Interventionstechniken erst möglich. Biofeedbacktherapie mit Messungen kann, wenn dies erforderlich scheint, als Intervention weiterhin miteinbezogen werden. Gute Erfolge versprechen dabei hypnotherapeutische Verfahren, um Rückfälle (besser ist es von „Vorfällen" zu sprechen) hintan zu halten.
Therapieziel
Ziel dieser „Biofeedback-Psychotherapie“ soll sein, zu Beginn die Muskelanspannung und zugleich das Aktivierungs- bzw. Erregungsniveau, d.h. die psychophysiologischen Parameter des Klienten mittels Biofeedback, zu senken. In weiterer Folge erlebt der/die TinnituspatientIn durch sein/ihr Einverständnis zur Psychotherapie auch auf psychischer und sozialer Ebene eine Erweiterung von Coping-Strategien, die die Lebensqualität trotz Tinnitus meist nachhaltig verbessern."
